Nachhaltig geniessen
Naturwein: Zwischen Freiheit und Bio-Label
Naturwein ist in aller Munde. Kaum ein anderer Weinstil löst derzeit so viele Emotionen aus – von Begeisterung bis Skepsis. Doch was genau ist eigentlich ein Vin Nature? Hat er einen bestimmten Geschmack? Und wie steht es dabei um Bio? Eine wichtige Klarstellung vorweg: Naturwein ist nicht automatisch Bio. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen.

Inhalte im Überblick
Was ist Naturwein?
Der Begriff Naturwein ist rechtlich nicht geschützt. Grundsätzlich kann jede:r einen Wein als Naturwein bezeichnen. Es gibt keine verbindlichen gesetzlichen Vorgaben betreffend Herstellung, keine einheitliche Definition und keine Kontrollstelle, die den Begriff überwacht.
In der Praxis wird Naturwein meist als Wein verstanden, der möglichst unverfälscht entsteht: spontan vergoren, mit wenig oder keinen Zusatzstoffen hergestellt. Oft hört man für diese Art der Weinherstellung auch die Bezeichnungen Nature Wine, Vin Vivant oder Naked Wine. Doch da es keine verbindlichen Regeln für den Weinbau, den Prozess oder die Zusätze gibt, reicht die Bandbreite von sehr sorgfältig gemachten Weinen bis hin zu Produkten, bei denen der Begriff eher als Marketinginstrument dient.
Verein Schweizer Naturwein: Klarheit durch Charta
Einen verbindlicheren Rahmen bietet der Verein Schweizer Naturwein (VSNW). Ein nach dessen Charta zertifizierter Naturwein erfüllt klare Kriterien:
Ein VSNW-zertifizierter Naturwein ist ein aus biologischen oder biodynamischen Trauben gepresster Saft, der ohne jegliche Zusatzstoffe vergoren wurde. Bio ist hier also keine Option, sondern Voraussetzung.
Zentrale Vorgaben der Charta:
- Verwendung von Bio-Traubengut
- Natürliche, spontane Vergärung
- Verzicht auf das Zufügen von Schwefel (SO₂)
- Erlaubt sind CO₂ oder Stickstoff
- Technische Eingriffe wie Kühlen, Wärmen oder Pumpen sind zulässig
- Minimale önologische Interventionen sind erlaubt
Diese Charta schafft Transparenz und Verlässlichkeit – für Produzent:innen wie für Konsument:innen.
Vin nature: Die Rolle der Hefen und die entscheidenden Unterschiede
Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal von Naturwein im Vergleich zu konventionellen Weinen gemäss der Charta des Vereins Schweizer Naturwein liegt im Umgang mit der Gärung und den Hefen. Während in der klassischen Weinbereitung häufig gezüchtete Reinzuchthefen eingesetzt werden, setzt Naturwein grundsätzlich auf natürliche Spontangärung.
Spontangärung: Risiko und Charakter
Diese Spontangärung wird von traubeneigenen Hefen ausgelöst, die natürlicherweise vorhanden sind. Welche Hefestämme sich durchsetzen, ist in diesem Verfahren nicht planbar. Genau darin liegt sowohl die Stärke als auch das Risiko von Naturwein: Der Wein entwickelt ein individuelles Aromaprofil, das stark vom Jahrgang, vom Ort, den Reben und von der Arbeitsweise der Winzer:innen geprägt ist.
Kontrolle durch Reinzuchthefen vs. Ausdruck
Konventionelle Reinzuchthefen hingegen sorgen für Kontrolle, Reproduzierbarkeit und Sicherheit. Sie vergären zuverlässig, erzeugen klar definierte Aromen und reduzieren das Risiko von Fehlgärungen. Vin nature verzichtet bewusst auf diese Absicherung – zugunsten von Ausdruck und Herkunft.
Ecken und Kanten: Die Kunst der minimalen Intervention
Ein weiterer Unterschied zeigt sich im Umgang mit der Gärführung. Vin nature erlaubt der Gärung, ihren eigenen Rhythmus zu finden. Temperatursteuerung, Nährstoffe oder Korrekturen werden, wenn überhaupt, nur sehr zurückhaltend eingesetzt; bei den Winzer:innen des Vereins Schweizer Naturwein kommen gar keine Zusätze in die Flasche. Dadurch entstehen Weine, die lebendiger, manchmal kantiger, aber auch weniger normiert sind.
Wichtig dabei: Spontangärung allein macht noch keinen Vin nature. Erst im Zusammenspiel mit dem Verzicht auf Zusatzstoffe und minimalen Interventionen im Keller entsteht jener Stil, auf den die Naturwein-Bewegung setzt.
Naturwein-Festival
Einmal jährlich organisiert der Verein Schweizer Naturwein das gleichnamige Festival. Dort treffen sich Winzer:innen, Fachleute und Interessierte, um Naturweine zu degustieren, sich auszutauschen und die Vielfalt dieses Weinstils kennenzulernen.
Was ist Orange Wine? Weisswein mit Zeit und Tiefe
Orange Wine ist kein eigener Rebsortenstil, sondern eine besondere Art der Weinbereitung. Vereinfacht gesagt handelt es sich um Weisswein, der wie ein Rotwein gekeltert wird. Die weissen Trauben werden nach dem Pressen nicht sofort vom Saft getrennt, sondern bleiben über Tage, Wochen oder sogar Monate auf den Schalen. Diese Maischestandzeit verleiht dem Wein seine typische orange bis bernsteinfarbene Tönung.
Maischevergärung: Struktur und komplexe Aromen
Durch den Kontakt mit Schalen und Kernen entstehen Gerbstoffe, Struktur und komplexe Aromen, die man von klassischen Weissweinen kaum kennt. Orange Wines wirken oft würzig, herb, manchmal leicht oxidativ und deutlich texturierter. Sie sind keine einfachen Weine, sie fordern Aufmerksamkeit im Glas wie am Gaumen.
Orange Wine im Naturwein-Kontext
Gerade im Naturwein-Kontext spielt Orange Wine eine wichtige Rolle. Viele Produzent:innen schätzen diese traditionelle Methode, weil sie ohne technische Eingriffe auskommt und dem Wein Stabilität verleiht. Doch auch hier gilt: Orange Wine ist nicht automatisch Naturwein und nicht automatisch Bio. Entscheidend sind Herkunft der Trauben und die Arbeitsweise im Rebberg und Keller.
Für neugierige Weintrinker:innen bietet Orange Wine einen spannenden Zugang zwischen Weiss- und Rotwein – roh, charakterstark und oft überraschend vielseitig zu Essen kombinierbar.
Fazit: Naturwein-Freiheit braucht Bio-Klarheit
Naturwein steht für Freiheit, Vielfalt und Experimentierfreude – aber auch für Unschärfe im Begriff. Wer Wert auf ökologische Herkunft legt, sollte nicht vom Wort Naturwein allein ausgehen. Ein Blick auf das Bio-Label lohnt sich, um sicherzustellen, dass der Weinberg biologisch bewirtschaftet und im Keller nach den strengen Bio-Richtlinien gearbeitet wurde.
17.3.2026



